Ökostrom aus Bürgerhand

Jeder Bürger kann durch den Bezug von Bürgerstrom Teil der Gemeinschaft werden und seine Energieversorgung selbst in die Hand nehmen.“ – Christopher Holzem von Bürgerwerke e.G.

GRÜNE-STARTUPS.de: Würdest Du uns Bürgerwerke kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

Christopher Holzem von BürgerwerkeChristopher Holzem: Die Bürgerwerke sind ein Zusammenschluss von mehr als 70 lokalen Energiegenossenschaften und über 12.000 Menschen aus ganz Deutschland. Seit 2014 beliefern wir als unabhängiger Ökostromversorger Haushalte und Gewerbetreibende mit Bürgerstrom aus Solar-, Wind- und Wasserkraft, der ausschließlich in Deutschland produziert wird.

Welches grüne Problem möchtet Ihr lösen und welche Vision steckt hinter dem Konzept?

Wir verfolgen die Vision einer erneuerbaren, regionalen und unabhängigen Energieversorgung in Bürgerhand. Die Energiewende hat in den letzten Jahren leider an Fahrt verloren und wir wollen ihr neuen Schwung verleihen. Das Schöne an unserem Konzept: Jeder Bürger kann durch den Bezug von Bürgerstrom Teil der Gemeinschaft werden und seine Energieversorgung selbst in die Hand nehmen.

Welche fachlichen und sozialen Kompetenzen waren für den bisherigen Erfolg ausschlaggebend?

Gestartet sind wir mit neun Energiegenossenschaften, wenigen hundert Energiebürgern, einem kleinen, aber hochmotiviertem Team und einem großen Ziel. Zu Beginn war vor allem große Lernbereitschaft beim Gründungsteam gefragt, um z.B. Antworten auf diese Fragen zu finden: Wie erhalten wir den Status eines Energieversorgungsunternehmens? Wie gewinnen wir Menschen für die gemeinsame Vision und dafür, sich mit Bürgerstrom zu versorgen? Wie bauen wir die Bürgerwerke auf Basis der bestehenden dezentralen Strukturen der Energiegenossenschaften möglichst sinnvoll auf? Zusätzlich ist vor allem der enge Austausch mit unseren mehr als 70 Mitgliedsgenossenschaften von unschätzbarer Bedeutung für den bisherigen Erfolg.

Wie wichtig ist die Berichterstattung über die Energiewende und welche Probleme siehst Du hier aktuell?

Die Umstellung auf eine zu 100 % erneuerbare Energieversorgung ist eine der bedeutendsten Aufgaben unserer Generation und sollte auch in der Medienlandschaft die entsprechende Beachtung finden. Allerdings ziehen Trump, Erdogan, Le Pen & Co. – die, die Relevanz von Klimaschutz teils komplett infrage stellen – momentan sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Dadurch rückt der Themenbereich „Energiewende und Klimaschutz“ medial leider in den Hintergrund. Eine andere Problematik, die ich beobachte, ist, dass die Energiewende oft nur vor dem Hintergrund kurzfristiger Kosten diskutiert wird. Das ist sehr schade, da der unverzügliche Wechsel zu Erneuerbaren Energien zum einen dringend erforderlich ist und zum anderen für uns als Gesellschaft schon mittelfristig deutlich günstiger sein wird.

Wie sieht das Geschäftsmodell der Bürgerwerke aus?

Energiebürger der Bürgerwerke mit Balkonmodul Der Strom aus Sonne, Wind und Wasser, den die Energiegenossenschaften vor Ort erzeugen, wird durch die Bürgerwerke gebündelt und an Endkunden geliefert. Die Kunden zahlen dafür monatliche Beträge, mit denen die Bürgerwerke alle notwendigen Kosten für Steuern, Abgaben und Personal begleichen. Die Marge der Stromkunden, die bei konventionellen Versorgern in den Erhalt oder Neubau von fossilen Erzeugungsanlagen gesteckt wird, fließt bei den Bürgerwerken daher zum Großteil an die Energiegenossenschaften vor Ort zurück – und diese können damit neue Projekte für die Energiewende starten.

Was waren die bisher größten Herausforderungen für Bürgerwerke?

Eine große Herausforderung bestand darin, mit einem relativ kleinen Werbebudget mit den großen Unternehmen der Energiebranche mitzuhalten. Mit sehr vielen lokalen sowie ausgewählten zentralen Maßnahmen sind wir inzwischen aber auch in diesem Bereich gut aufgestellt. Dreieinhalb Jahre nach der Gründung freue ich mich auf jeden Fall sehr, dass wir die Bürgerwerke auch ohne Hochglanz-TV-Spots und ohne hochbezahlte Promi-Testimonials zu einem erfolgreichen Gemeinschaftsunternehmen aufbauen konnten.

Welche langfristigen Ziele verfolgt Ihr?

Wir möchten Bürgerenergie zur zentralen Säule unserer Energieversorgung machen. Um dies zu erreichen, engagieren wir uns in ganz verschiedenen Feldern. Zum einen kümmern wir uns um das weitere Wachstum der Bürgerwerke, denn mehr beteiligte Energiegenossenschaften und mehr Bürgerstrom-Kunden bedeuten auch mehr Wirkung für die Energiewende. Zum anderen möchten wir erreichen, dass sich Energiegenossenschaften noch wirksamer für den Ausbau der Erneuerbaren einsetzen können. Deshalb fördern wir den Wissensaustausch unter den Genossenschaften und entwickeln regional anwendbare Standardlösungen, z.B. für Mieterstrom-Projekte und E-Ladesäulen.

Dein Insidertipp: Welches grüne Produkt hat Dich zuletzt fasziniert?

Sehr spannend finde ich den Ansatz der Kollegen von „relumity“, die die erste reparierbare LED-Lampe entwickelt haben. Wir alle produzieren bereits mehr als genug Elektroschrott und dank relumity können wir zum ersten Mal eine LED-Leuchte nutzen, die ihren Nutzer sogar überleben kann. Eine richtig runde Sache wird es natürlich dann, wenn die relumity-LED mit erneuerbarem Bürgerstrom versorgt wird.

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