Do-It-Yourself Windkraft aus Berlin

Bei Kitrad e.V. soll dezentrale Energie gefördert werden, indem man selbst mit anpackt beim Windradbau – und das notwendige Wissen gleich dazu bekommt. Immanuel Dorn von Kitrad e.V. im Interview.

9.05.2017

GRÜNE-STARTUPS.de: Würden Sie uns Kitrad e.V. kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

Immanuel Dorn:
Der Verein Kitrad e.V. wurde 2013 von einer Gruppe Studierender der HTW-Berlin gegründet. Kitrad beschäftigt sich mit Konzepten der dezentralen Energieversorgung. Zur Zeit liegt der Fokus auf selbstgebauten Windrädern, welche nach Open-Source Plänen von Hugh Piggott angefertigt werden.

Seit seiner Gründung wurde ein Windrad gebaut und mit Hilfe des Vereins Taschengeldfirma e.V. und dem TU Berlin Energieseminar auf dem Tempelhofer Feld in Berlin errichtet. Weiterhin wurde an der Optimierung des Windrades und des Selbstbaus gefeilt und an einigen Wochenenden in unserer Werkstatt in den BLO Ateliers gebastelt und gebaut. Wir haben durch Vorträge zum Thema Windenergie auch unseren Vereinsauftrag der Bildungsarbeit weiter vorangetrieben. Insbesondere das praktische Beispiel der bestehenden und Strom produzierenden Windenergieanlage auf dem Tempelhofer Feld bietet immer wieder Anknüpfpunkte, das Wissen über erneuerbare Energien weiter zu streuen.

Des Weiteren wurden bei Kitrad auch schon Bachelorarbeiten von Studierenden angefertigt. Eine beschäftigte sich z.B. mit dem Thema der Kurzschlussbremse des selbstgebauten Generators. Insgesamt versuchen wir mit unserem Verein natürlich auch Menschen ihre Selbstwirksamkeit beizubringen, also die Möglichkeit des Schaffens mit den eigenen Händen (wieder) zu erlernen. Die Erkenntnis selbst etwas schaffen zu können, hilft vielen Menschen und erlaubt ihnen auch einen neuen Bezug zu ihrer Umwelt herzustellen.

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Wie kam es zum Wechsel von einem Startup zu einem gemeinnützigen Verein?

Nach der Teilnahme an einem Inkubator-Programm wurde uns schnell klar, dass wir die Idee einer regenerativen dezentralen Energieversorgung nicht vermarkten wollen. Wir waren auf der Suche nach eine Organisationsstruktur, welche für alle Menschen offen ist und bei der es um Kooperation und nicht um Konkurrenz geht. Wir wollten keine Betriebsgeheimnisse patentieren lassen, sondern unser Wissen mit der Welt teilen. Somit entschieden wir uns letztendlich für die Gründung des Vereins Kitrad e.V.

Welches grüne Problem möchte Kitrad e.V. lösen und welche Vision steckt hinter dem Konzept?

Kitrad möchte einen Weg in eine nachhaltigere, dezentrale Energieversorgung aufweisen. Dabei geht es uns besonders darum, dass jeder Mensch Teil dieser Veränderung sein kann. Wir möchten Menschen ermutigen selbst wieder handwerklich tätig zu werden. Dies tun wir durch die angesprochenen Themenfelder der Workshops zum Bau von Kleinwindanlagen, der gemeinsamen Bildungsarbeit mit dem Verein Taschengeldfirma e.V., sowie der Betreuung und Weiterentwicklung des Windrades auf dem Tempelhofer Feld.

In Zusammenarbeit mit Taschengeldfirma e.V. erlauben wir es zum Beispiel Schulklassen aus Berlin direkt in Kontakt mit erneuerbaren Energien, also dem Windrad am Tempelhofer Feld zu kommen und uns dort etwa bei Wartungsarbeiten zu begleiten. So wird vor allem diese nachhaltige Form der Stromerzeugung und die Windenergie für Jugendliche greifbar und verständlich. Zur Weiterentwicklung des Windrades gehört für uns auch der Bau eines Open-Source Datenloggers, der uns erlaubt die Temperatur, Windgeschwindigkeiten und Stromerzeugung zu messen, diese Daten aufzubereiten und somit auch öffentlich zugänglich zu machen. Zusammenfassend arbeiten wir mit einem Open-Source- und Do-It-Yourself (DIY)-Ansatz an der Energiewende von unten.

Werden Erneuerbare Energien allmählich auch dem Endverbraucher zugänglich?

Genau das ist ja das schöne an den Erneuerbaren Energien. Es gibt keine großen, Milliarden teuren zentralen Strukturen mehr. Jeder kann selbst teil einer nachhaltigeren Energieversorgung werden. Viel mehr gilt dies noch für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, denn so ein selbstgebautes Windrad kann Endverbrauchern in netzfernen Regionen zu einem Anstieg der Lebensqualität verhelfen.

Dennoch sehen wir auch in Deutschland den Trend zu einer größeren Selbstversorgung: Sei es durch die sogenannten Balkon-PV-Module, oder auch die Möglichkeit durch Batteriespeicher und PV-Anlagen einen Stromautarkiegrad von Haushalten von bis zu 70 Prozent unter ähnlichen Kosten wie der Stromversorgung durch die etablierten Versorger zu erreichen.

Allerdings ist die Windenergie für den Endverbraucher, zumindest in urbanen Räumen auf energetische Sicht weniger sinnvoll. Im ländlichen Raum, mit großen, freien Flächen hingegen können auch Kleinwindanlagen diese Zugänglichkeit schaffen.

Sind Do-It-Yourself Ansätze im Bereich Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch?

Viele Menschen in Deutschland machen nur noch theoretische oder monotone praktische Arbeiten, welche auf Dauer oft unbefriedigend werden. Do-It-Yourself (DIY) Ansätze sind genau für solche Menschen spannend, um wieder zu begreifen, was für wunderbare Dinge man mit seinen eigenen Händen schaffen kann. Menschen können sich so wieder ihrer Selbstwirksamkeit bewusst werden. Man muss hier aber natürlich auch realistisch sehen, dass DIY-Ansätze nur bis zu einem gewissen Maße möglich sind. Natürlich kann man ein eigenes Windrad bauen, einige der Teile können von Recycling-Höfen verwendet und somit upgecycelt werden.

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Für andere Materialien, wie etwa die Magnete oder Kupferdrähte, ist man auf die Zulieferung der oft globalen Wertschöpfungsketten angewiesen. Dennoch glauben wir, dass die Sinnhaftigkeit eines DIY-Ansatzes vor allem durch die ideelle und tätliche Befriedigung der Beteiligten Personen auch im Bereich für erneuerbare Energien gegeben ist.

Was waren die bisher größten Herausforderungen für Kitrad e.V.?

Die wohl größte Herausforderung war es, das von uns gebaute Windrad auf dem Tempelhofer Feld zu errichten. Dabei waren die praktischen Probleme die kleinste Herausforderung. Allerdings wurde der bürokratische Aufwand für die Genehmigung von uns völlig unterschätzt und hat das ein oder andere Vereinsmitglied ganz schön zermürbt. Ohne die großartige Arbeit der Taschengeldfirma e.V. und die Kooperation mit dem TU Berlin Energieseminar, sowie die Unterstützung vieler weiterer Sponsoren wäre es sicher auch nie dazu gekommen, dass in der grünen Lunge Berlins nun ein kleines Windrad steht, sich dort dreht, fleißig Strom produziert und jung und alt begeistert. Aber diese Herausforderung hat uns auch gelehrt, was für ein Potenzial sich entfalten kann, wenn so viele Akteure miteinander zusammen arbeiten.

Daher auch unser Aufruf: Der Bau und die Konstruktion sind das kleinere Problem und auch „anscheinend“ handwerklich unbegabte Personen können solch ein Windrad bauen. Dennoch sollte man sich im Klaren sein, dass Technologien immer nur eingebunden in ein gesellschaftliches Gesamtkonstrukt funktionieren, dass aus verschiedenen administrativen und kulturellen Einzelteilen besteht. Diese zu ändern oder zu nutzen fordert oft das größere Engagement. Die Änderung gesamtgesellschaftlicher Konstrukte und Abläufe kann dann aber natürlich auch einen sehr viel größeren positiven Einfluss haben, als die Errichtung eines einzelnen Windrades.


Welche langfristigen Ziele verfolgt der Verein?

Langfristig wollen wir weiterhin Workshops zum Bau von Kleinwindkraftanlagen anbieten, sowie verstärkt in der Bildungsarbeit mit dem bestehenden Windrad tätig sein. Gleiches gilt für die Weiterentwicklung eines Open-Source Datenloggers und der Dokumentation unserer Tätigkeit. Außerdem betätigen wir uns nicht nur im Bereich der Windkraft, sondern wollen ebenfalls Solaröfen und andere dezentrale Energie-Technologien bauen und erproben. Denn nur wenn praktische Erfahrungen weitervermittelt werden, können andere Gruppen, Vereine und Menschen davon beeinflusst werden. Wir wollen ebenfalls unsere Werkstatt in den BLO Ateliers offen halten für all die Menschen, die selbst an den Lösungen der Zukunft im Bereich dezentraler, erneuerbaren Energien schrauben, bauen und basteln wollen.Eroeffnungsfeier_Windrad_Thf 2

Welchen Tipp können Sie den grünen Gründern von morgen mitgeben?

Das wichtigste ist, nicht den Mut zu verlieren und wenn die Herausforderungen zu groß erscheinen, Kooperationen einzugehen. Kooperation bringt so viel mehr als Konkurrenz. Bei der Zusammenarbeit mit Projektpartner*innen jedweder Art können Synergieeffekte genutzt werden und letztendlich gehen alle Beteiligten gestärkt aus der Situation heraus.

 

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