Umweltfreundliches Hostel aus Seecontainern in Hamburg

© The Greenhouse Hostel

Ob die große Transformation gelingen kann, ist vor allem eine Frage von Lebensstilen.“ – so Colin Bien, Projektleitung The Greenhouse Hostel, im Interview.

1.06.2017

Grüne-Startups.de: Würdest du uns The Greenhouse Hostel kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

Colin Bien: Die Idee des Greenhouse Hostels ist es, nachhaltigen Tourismus in die Stadt zu bringen. Gebaut wird es aus recycelten Seecontainern, womit wir exklusive und mobile Architektur und ökologisch-soziale Nachhaltigkeitsstandards verbinden. Eine niedrigpreisige Übernachtungsmöglichkeit soll Mitten in Hamburg entstehen. Unser Nachhaltigkeitsansatz beinhaltet neben einem nachhaltigen Interieurkonzept auch energieeffiziente Prozesse oder ein Urban Gardening Projekt. Letzteres ist Teil eines informellen Lernkonzeptes, das über Positiverlebnisse für einen nachhaltigen Lebensstil in der Stadt sensibilisieren, motivieren und befähigen will. Unsere Gäste lernen so in einer ungezwungenen Atmosphäre neue nachhaltige Praktiken, denn gerade im Urlaub und auf Reisen ist man offener für neues als sonst. Wir sehen das Hostel als eine Plattform, die sauberen Tourismus, urbanen Lifestyle, globale Vernetzung und innovatives Wirtschaften miteinander verbindet. Derzeit suchen wir nach einem Standort in Hamburg. Die ursprüngliche Idee haben wir mittlerweile mit Studierenden der Universität Oldenburg und der Fachhochschule Luzern zu einem validierten Geschäftsmodell weiterentwickelt. Wir arbeiten eng mit dem Architekturbüro Salinger zusammen, das sich auf Seecontainer spezialisiert hat. Sobald wir ein passendes Grundstück gefunden haben, können wir loslegen!

Wie ist die Idee entstanden?

Die Idee, ein Hostel in Hamburg zu eröffnen, gab es schon lange. Hamburg hat vergleichsweise wenig Übernachtungsangebote in diesem Bereich. Durch mein Studium ist das Interesse an „grünen Gründungen“ und Nachhaltigkeit entstanden. Betrachtet man die Übernachtungsangebote in Städten, fällt auf, dass es kaum ganzheitlich gedachte Ansätze gibt, wie nachhaltiger Tourismus in urbanen Räumen umgesetzt werden kann. Derzeitige Angebote beschränken sich auf additive Maßnahmen. Man schaltet auf Öko-Strom um oder wäscht weniger bzw. effizienter. Gute Maßnahmen, die aber hinter dem Möglichen bleiben. Hostels kreieren eine einzigartige Atmosphäre, in der es familiär und gemeinschaftlich zugeht und der Austausch von Erfahrungen sowie das Kennenlernen von neuem viel mehr im Vordergrund steht, als es das in isolierten Hotelzimmern oder Stadt-Apartment tut.

Wie will The Greenhouse Hostel zu einer nachhaltigeren Gesellschaft beitragen?

Wir wollen zum einen unsere Prozesse und unseren Betrieb so nachhaltig wie möglich gestalten. Dazu gehören Punkte wie Energieeffizienz und Öko-Strom, vegane und vegetarische Gastronomie, effizienter Ressourcenverbrauch oder ein Mobilitätskonzept, dass es unseren Gästen ermöglicht, sich emissionsarm in der Stadt zu bewegen. Zum anderen wollen wir einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung und zur Transformation leisten. Das möchten wir über unser informelles Lernkonzept erreichen. Unsere Gäste lernen Maßnahmen, die sie auch im eigenen Leben umsetzen können um ihren Lebensstil nachhaltig zu gestalten. Aber eben nicht im Klassenzimmer, sondern ungezwungen, sozusagen beiläufig über Erfahrungswissen. Das ist für uns der wichtigste Aspekt, denn ob die große Transformation gelingen kann, ist vor allem eine Frage von Lebensstilen.

© The Greenhouse Hostel
© The Greenhouse Hostel

Welche Trends verfolgst Du im Bereichen Urban Agriculture und nachhaltiger Tourismus mit Spannung?

Ich finde das Konzept des Vertical Farmings sehr interessant, gerade für globale Ballungszentren mit hoher Populationsdichte, welche in Zukunft stark zunehmen werden. Allerdings erscheint mir der hohe Energieverbrauch noch ein zu großes Problem, um hier von einer nachhaltigen Lösung sprechen zu können. Urban und Guerilla Gardening sind ebenfalls spannende Lösungsansätze, die erhöhte Resilienz und Bildungsaspekte zusammenbringen. Auch Aquaponik Farmsysteme können meiner Meinung nach viel Potenzial in urbanen Räumen entfalten. Im Bereich Tourismus finde ich die Idee eines 0 Sterne Tourismus faszinierend, also eine komplette Befreiung vom Überflüssigen und Fokussierung aufs Wesentliche, meist naturnah. Das kann dann ein „Bett“ unter freiem Himmel sein, wie es vom Startup Sleeperoo entwickelt wird.

Zuletzt liegt mir aber die Frage eines nachhaltigen Städtetourismus sehr am Herzen. Angebote für nachhaltigen Tourismus finden zumeist auf dem Land, in den Bergen oder am Meer statt. Das ist sinnvoll, aber eine der beliebtesten Tourismusformen bleibt der Städtetourismus. Städte sollten endlich damit beginnen, sich über einen ganzheitlichen Ansatz von nachhaltigem Städtetourismus Gedanken zu machen, der den gesamten „Lebenszyklus“ eines Touristen von seiner An- bis zur Abreise in Betracht zieht und die Auswirkungen systematisch nach Bereichen (Mobilität, Ernährung, Übernachtung etc.) gliedert. Mit dem Greenhouse Hostel versuchen wir einen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen, indem wir bspw. im Bereich Mobilität ein Anreizsystem für Kompensationsleistungen bei unvermeidbaren Emissionen der An- und Abreise anbieten. Kunden können sich die Kosten der Kompensation in Form eines Preisnachlasses bei einer Übernachtung anteilig anrechnen lassen. Auch im Bereich Ernährung und innerstädtische Mobilität eröffnen sich in einer Stadt wie Hamburg viele Möglichkeiten, an die wir anschließen wollen.

Was waren die bisher größten Herausforderungen für The Greenhouse Hostel?

Aktuell ist es definitiv eine große Hürde, einen zentralen Standort in Hamburg zu finden. Freie Flächen gibt es kaum, es ist eine Frage von gutem Timing und vor allem Beziehungen. Darüber hinaus war die Nutzung von Seecontainer zunächst auf Sinnhaftigkeit zu klären, es gibt da verschiedene Meinungen. In jedem Fall ist es nicht die billigste Variante, doch sie verbindet andere Aspekte wie Exklusivität, Kreislaufökonomie und Recycling. Nun haben wir ein fertiges und weitgehend validiertes Konzept in der Schublade, stehen in den Startlöchern und warten darauf loszulegen. Langweilig wird mir währenddessen allerdings nicht, da ich vor 2,5 Jahren den Onlineshop True Fabrics gegründet habe, ein Versandhandel mit sozialem Gewissen und einer großen Auswahl an Stoffen aus aller Welt. 10% unserer Einnahmen spenden wir an Hilfsprojekte. Vorzugweise bieten wir Baumwollstoffe von Kleinbetrieben aus traditioneller Herstellung an, bspw. aus Nepal, Guatemala, Togo oder Südafrika.

Welche langfristigen Ziele verfolgt das Unternehmen?

Die Vision ist es, ein Leuchtturmprojekt für nachhaltigen Städtetourismus zu schaffen, das andere inspiriert. Unterm Strich soll ein Gast, der bei uns übernachtet, einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben, als einer, der eine konventionelle Unterkunft wählt. Das Thema auf die politische Agenda zu setzen und Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, ist ein weiteres Ziel, aber auch Menschen zu befähigen, einen nachhaltigen Lebensstil in der Stadt zu etablieren und/oder beim Reisen nicht auf diesen verzichten zu müssen.

Welche Rolle wird städtischer Gartenbau deiner Meinung nach in zehn Jahren spielen?

Ich hoffe, eine größere als heute. Es wäre schön, wenn jeder Stadtteil sein eigenes Gartenprojekt hätte, nicht nur, um die Selbstversorgung zu erhöhen, Lieferwege zu reduzieren etc., sondern auch, um den Schatten der städtischen Anonymität zu überwinden. Tendenzen, die dies ermöglichen, zeichnen sich bereits ab. Schaut man sich bspw. die Implikationen eines selbstfahrenden Autos an wird deutlich, dass viele Parkflächen obsolet werden. Diese könnten dann als Gartenprojekte genutzt werden. Der Zeitraum von 10 Jahren erscheint mir nicht ganz unrealistisch für diese Entwicklung. Dazu müsste die „Urban-Gardening-Szene“ sich allerdings noch besser vernetzen um eine gemeinschaftliche Interessenvertretung zu bilden, die sich im Interessenskonflikt um freigewordene Stadtflächen durchsetzen kann.

Dein Insidertipp: Welches grüne Produkt hat Dich zuletzt fasziniert?

Ob Insidertipp weiß ich nicht, aber immer wieder, wenn ich bei meiner Mutter zu Besuch bin, begeistert mich ihr Sonnenglas auf der Fensterbank in der Küche. Ein großes Glas, das während des Tages Sonnenenergie über ein kleines Solarpanel auf dem Deckel speichert und mit dieser Energie Nachts eine kleine LED-Lampe mit Strom versorgt. Es ist in einem Township in Südafrika hergestellt worden. Der Innenraum des Glases kann nach Wünschen dekoriert werden. Einfach, aber irgendwie genial.

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