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Greenfree – Kompensation durch Pflanzenkohle

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Bild: Unsplash

Die Möglichkeit seinen persönlichen oder geschäftlichen CO2-Fußabdruck zu verringern oder zu kompensieren gibt es mittlerweile zu genüge. Das Problem bei den meisten Anbietern ist jedoch häufig, dass die Ansätze sehr komplex, nicht nachvollziehbar und somit nicht transparent genug sind. Greenfree thematisiert genau dieses Problem und handelt nach den drei Leitgrundsätzen Rückführung, Regionalität und Transparenz. Wie genau die Rückführung des CO2 funktioniert und warum die CO2-Zertifikate nicht mit einem Freifahrtschein gleichzusetzen sind, erzählt uns Marcus Schweinberg im Interview.

Grüne-Startups.de: Marcus, bitte erkläre uns kurz was Greenfree macht.

Marcus Schweinberg: Greenfree bietet eine Möglichkeit sowohl den persönlichen als auch den geschäftlichen CO2-Ausstoß zu kompensieren, fördert damit langfristig die Senkung der Emissionskonzentration in der Luft und trägt so zu den UN Klimazielen bei. Im Gegensatz zum EU-Emissionshandel, dessen Grundlage auf ausgegebenen Emissionsrechten basiert, verwenden wir Pflanzenkohle als natürliches Bindemittel für CO2 und setzen diese in der regionalen Landwirtschaft ein. Pflanzenkohle entsteht durch Verkohlung von Biomasse. Unter Sauerstoffentzug wird der Kohlenstoff aus der Biomasse verdichtet und bis zu 1000 Jahre haltbar gemacht. Die Kohle wird so „aktiviert“, um klimaschädliche Stoffe aufzunehmen und in landwirtschaftliche Flächen zurückzuführen. Dies macht Böden fruchtbarer und kann sogar die Gesundheit der Tiere stärken.

Auf Grund dieser Eigenschaft gilt Pflanzenkohle als „Negative Emissionstechnologie“ (vgl. Hans-Peter Schmidt des Intergovernmental Panel on Climate Change, https://www.biochar-journal.org/en/ct/94 und https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/4/2020/02/SPM_Updated-Jan20.pdf), sprich Technologie, die zur Rückführung von Kohlenstoffdioxid verwendet wird.

Möchte eine Privatperson oder ein Unternehmen seinen Ausstoß kompensieren, nutzen wir die Eigenschaften der Pflanzenkohle und lagern diese auf den Feldern unserer Partner, den Klimalandwirten ein. Durch das Einsetzen der Pflanzenkohle bei der Fütterung, der Einstreuung im Stall und beim Zusatz in der Gülle binden wir damit langfristig CO2 in den Böden. Weitere Vorteile der Pflanzenkohle sind die Erhöhung der Tiergesundheit, die Unterstützung des natürlichen Humusaufbaus, die Reduktion der Entstehung von Ammoniak und Lachgasen in Gülle sowie die Bindung von Nitraten. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf den Faktoren Rückführung, Regionalität und Transparenz sowie der Unterstützung der „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen. Wir verringern nicht nur CO2-Ausstöße, sondern führen das CO2 zurück in regionale Böden. Das unterscheidet uns von anderen Anbietern.

Bild: Greenfree

Wie ist die Idee dahinter entstanden und wie habt ihr euch als Gründungsteam gefunden?

Die Idee der Pflanzenkohle oder Terra Preta ist ein uralter Ansatz. Es gibt Nachweise, dass schon die Indianer der Hochkulturen im Amazonasgebiet vor tausenden von Jahren dieses Modell der Verkohlung nutzten, um ihre Böden fruchtbarer zu gestalten (vgl. http://www.ithaka-journal.net/terra-preta-modell-einer-kulturtechnik). Greenfree ist eine Marke der Biomassehof Allgäu eG. Diese Genossenschaft von Waldbesitzern, Landwirten und Privatpersonen suchte nach Möglichkeiten, um den Transport seiner regional produzierten Holzbrennstoffe klimaneutral zu gestalten und wurde auf das Modell der Pflanzenkohle aufmerksam. Dadurch können die Brennstoffe nach Wahl der Kunden klimaneutral versendet werden. Diesen Gedanken greifen wir auf und wollen die Idee für viele weitere Anwendungen nutzen. Zunächst traten wir an Startups aus dem grünen Bereich, die ihre Produkte oder gar ihren ganzen Betrieb CO2-neutral gestalten können. Ferner arbeiten wir mit Vermittlern zusammen, die Unternehmen bei dem Weg in die Nachhaltigkeit beraten und unser Konzept als regionalen Ansatz gutheißen.

Ihr legt sehr viel Wert auf Regionalität und Transparenz. Wie stellt ihr diese sicher?

Wir verfolgen diese beiden Werte, da unserer Meinung nach Klimaschutz vor allem lokal stattfinden muss, um dadurch den globalen Emissionsausstoß zu verringern. Zudem haben wir den Anspruch an uns selbst, unsere Arbeit transparent für unsere Kunden zu gestalten. Um diese beiden Standards einzuhalten, wird bei uns jeder Schritt, von der Produktion der Pflanzenkohle bis zur Kompensation bei unserem Partner, genau dokumentiert und kann von jedem Kunden eingesehen werden. Anschließend erhalten unsere Kunden ein Zertifikat, bei welchem Klimalandwirt und wo in der Region die CO2-Emissionen kompensiert wurden. Gerade dies hebt uns ab von den großen Anbietern internationaler Zertifikate, die weltweit Projekte bezuschussen.

Was unterscheidet Greenfree von anderen CO2-Kompensationsmöglichkeiten?

Unsere drei Leitgrundsätze – Rückführung, Regionalität und Transparenz – sind dementsprechend auch unsere größten Unterscheidungsmerkmale von anderen Kompensationsmöglichkeiten. Der Nachteil bei anderen Kompensationsplattformen und beispielsweise dem EU-Emissionshandel besteht hauptsächlich aus zwei Problemen. Zum einen sind die zugrundeliegenden Mechanismen und umweltökonomischen Ansätze teilweise relativ komplex und daher für den Verbraucher nicht nachvollziehbar. Zudem sind diese Projekte häufig nur begrenzt transparent und regional, wodurch das Vertrauen in diese Kompensationsmöglichkeiten oft verletzt wird.

Ziel unserer Arbeit ist es diesen beiden Punkten bewusst entgegenzuwirken. Ein Teil unseres Wirkens bezieht sich natürlich auf die Reduktion der Treibhausgase in der Luft, wir wollen jedoch mit Greenfree noch einen Schritt weiter gehen. Durch genaue Erklärung der Wirkweise von Pflanzenkohle sowie unserer transparenten und regionalen Arbeit, wollen wir das Thema für jeden zugänglich machen und somit das Vertrauen in Kompensationsmöglichkeiten stärken.

Auf lange Sicht ist unser Ansatz ein weitaus größerer. Wir wollen über den Bereich der Klimazertifikate und Pflanzenkohle hinaus Modelle zu einer klimafreundlichen und nachhaltigen (Land-)wirtschaft erarbeiten. Wir sind ein junges Team mit betriebs- / volkswirtschaftlichem, juristischem, geographischem und landwirtschaftlichem Hintergrund, die nicht nur wirtschaftlich, sondern darüber hinaus zukunftsorientiert denken. Diese Denkweise muss unseres Erachtens heute eine nachhaltige und ressourcenschonende Sphäre beinhalten.

Bild: Greenfree

Denkst du, dass viele eure CO2-Zertifikate als Freifahrtschein nutzen anstatt ihren CO2-Fußabdruck nachhaltig zu verringern?

Ich denke nicht, dass unsere CO2-Zertifikate gewissermaßen als Ablassbriefe benutzt werden. Unsere Kunden sind mit obig beschriebener Denkweise auf einer Wellenlänge mit uns. Meistens handelt es sich um junge Startups aus dem grünen Bereich. Diese achten schon jetzt auf ressourcenschonende Produktion, klimaneutralen Versand, nachhaltige Wertschöpfungsketten oder bedienen sich den Modellen der Kreislaufwirtschaft.

Wir empfehlen Unternehmen generell, wenn wir ihren Fußabdruck berechnen, zuerst den Weg der Senkung von Emissionen über betriebsinterne Vorgänge. Gerne geben wir hierzu durch unsere Kenntnisse Hilfestellungen. Der Weg über die Kompensation durch Pflanzenkohle-Zertifikate wird dann meist als Krone auf diesen nachhaltigen Umbau-Prozess gesetzt. Hierdurch können die sog. Restemissionen, die Unternehmen nicht mehr selbst verringern können durch uns ausgeglichen werden. Ein nachhaltiger Weg der Arbeitsteilung.

Eure Kunden zahlen den CO2-Ausgleich. Wie erwirtschaftet ihr darüber hinaus Gewinne?

Derzeit erwirtschaften wir mit Greenfree keine Gewinne. Der Kauf eines Zertifikates wird 1:1 als Zuschuss für den Einkauf der Pflanzenkohle unserer Klimalandwirte weitergegeben. Unser Ziel ist bisher kein wirtschaftliches, sondern ein rein gemeinnütziges. Wir wollen ein regionales Vorzeigeprojekt der CO2-Rückführung schaffen, das als Beispiel für nachhaltigen und dauerhaften Klimaschutz vor Ort funktioniert. Auf lange Sicht ist unser Ansatz ein weitaus größerer. Wie oben beschrieben wollen wir mit Greenfree und der Biomassehof eG ein Partner für alle Unternehmen sein, die den Schritt in ein zukunftsorientiertes Wirtschaften wagen wollen. Für diese agieren wir als Nachhaltigkeitsberatung, die von der Einholung (europäischer) Subventionen bis hin zu nachhaltigen Lieferketten alle Vorgaben der EU und UN einzuhalten gedenkt und sogar darüber hinaus gehen will. Unser Wertekanon sind die UN Sustainable Development Goals. Diese müssen praktisch gedacht werden, damit sie keine bloßen politischen Leitideen bleiben. Wir helfen jedem, der sich an der Bewegung zu einer nachhaltigen globalen Wirtschaft beteiligen will, vom Einzelhaushalt, über das kleine Startup bis hin zu traditionellen Unternehmen.

Bild: Greenfree

Mit welchen Herausforderungen auf dem Markt habt ihr gerade oder werdet ihr in Zukunft mit zu kämpfen haben?

Im Moment sind wir noch in den Kinderschuhen. Wir kämpfen gerade noch mit dem Problem der Aufmerksamkeit. Pflanzenkohle ist noch nicht in dem großen Nachhaltigkeitsdialog angekommen, sondern bisher ein Expertenbereich in der Landwirtschaft. Wir wollen das ändern und freuen uns deshalb über Euer Interesse sehr. Hierdurch können wir einem größeren Publikum unsere Gedanken aufzeigen und so vielleicht unseren Impact steigern.

Ferner kämpfen wir aufgrund unserer bisherigen Aufstellung mit den CO2-Zertifikatspreisen am Markt. Wir geben unseren Preis komplett an den Landwirt weiter und verdienen deshalb hiermit noch nichts. Gerade größere Vermittler nehmen jedoch eine Pauschale dafür, dass sie unseren Weg ihren Kunden anbieten. Das macht es für uns sehr schwierig, in diesen Markt vorzudringen, da es für uns hierdurch zu einem Minusgeschäft würde. Wir hoffen aber, dass wir weiter unsere Zertifikate als Rabatt komplett an den Landwirt weitergeben können, um den Einsatz der Pflanzenkohle bekannter zu machen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Wir freuen uns, dass die Themen Nachhaltigkeit und klimafreundliches Wirtschaften im öffentlichen Dialog angekommen sind. Wir wünschen uns, dass sich die Wirtschaft mit all Ihren Beteiligten in eine den Klimazielen entsprechende Weise entwickelt und wollen hierzu einen Beitrag leisten. Es muss erkannt werden, dass dieses Vorgehen eine Chance für neuartige Wirtschaftszweige bedeutet. Dies wiederum schafft Arbeitsplätze und hilft der generellen Wohlfahrt. Europa könnte sich zu einem Vorzeigemodell des nachhaltigen Wirtschaftens entwickeln, das auf regionale Ansätze mit demokratischen und transparenten Vorgehensweisen setzt. Wir freuen uns sehr Teil einer bayerischen Genossenschaft mit über 450 Mitgliedern zu sein. Diese Firmierung ermöglicht Teilhabe jedes Anteilsinhabers auf demokratische Weise. Wir halten das für das richtige gesellschaftsrechtliche Umfeld, in dem nicht nur der wirtschaftliche Gewinn, sondern die gemeinschaftliche Entwicklung und nachhaltiges Wachstum im Vordergrund steht.

Das sind Modelle der Zukunft und nicht Gewinnstreben um jeden Preis. Es müssen möglichst viele Beteiligte einer Unternehmung hiervon profitieren und zwar auf lange Frist.

Wir freuen uns Teil einer solchen Denkweise zu sein und hoffen diese Motivation an andere weitergeben zu können, zum Beispiel über Euer Interview. Vielen Dank hierfür!

 

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Bilder: Greenfree/Unsplash

Vera Kluck
Über Vera Kluck 44 Artikel
Kommunikation und Marketing. Redakteurin bei Gruene-Startups.de.

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