Urban Gardening wächst hoch hinaus

Unsere Lebensmittel könnten in Zukunft aus dem Wolkenkratzer von nebenan kommen, in dem Initiative auf moderne Technik trifft. Urban Gardening geht in die nächste Runde.

15.05.2017 – Ein Beitrag von Robert Plantus

Die Stadt war lange ein grauer und lauter Lebensraum. Doch es weht wieder Landluft in die städtischen Flächen und sät inmitten von Beton und Zement grüne Flecken. Beim Urban Gardening finden sich Menschen zusammen, um mit Einfallsreichtum und Engagement im dicht besiedelten Lebensraum Pflanzen anzubauen und Grünfläche zu schaffen. Dabei geht es um wesentlich mehr, als auf dem eigenen Balkon Salat und Gemüse anzupflanzen oder auf dem Industriegelände Gemüsekisten zu bauen und Gärten anzulegen. Es steht für Gemeinschaft, ein gesundes Verhältnis zur Natur und das wachsendes Interesse an nachhaltigen und autarken Lebensweisen. In Deutschland ist das Urban Gardening in Städten wie Köln und Berlin bereits seit längerem aktiv. 2014 wurde sogar ein Manifest für die Bewegung aufgesetzt.

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Mit Herz und Hirn

Beim Urban Gardening geht es nicht nur darum, leere Flächen auf städtischem Boden – oftmals innerhalb von Industrie- und Gewerbegebieten – sinnvoll zu nutzen, sondern auch den Bezug zu pflanzlichen Produkten, die man dort nachhaltig und klimafreundlich produziert, wieder herzustellen. Immerhin lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in städtischen Wohngebieten. Jeder ist willkommen, an diesen gemeinschaftlichen Projekten mitzuwirken und sich dabei besonders über das eigene Vermögen des Anbaus und Ertrags von Pflanzen bewusst zu werden. Auch die Vielfalt von Nahrungsmitteln wird wieder größer, denn im Supermarkt finden sich in der Regel nur kommerziell absetzbare, pflanzliche Produkte.

Urban Gardening ist von sich aus nachhaltig und umweltfreundlich. Durch die Verarbeitung von Abfällen und die Alternative, ein Produkt zu beziehen, das nicht auf lange Transportwege angewiesen ist, kann der Kohlendioxidausstoß verringert und gleichzeitig durch die so entstehenden Grünflächen stärker getilgt werden. Besonderes Potenzial liegt darin, autarke Versorgung in regionalen Gemeinschaften zu fördern und gleichzeitig den Stadtbewohnern eine nachhaltige Lebensweise näher zu bringen, da auch das nötige Know-How vermittelt wird.

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Urban Agriculture

Urbaner Gartenbau ist so alt wie die Stadt als Lebensraum selbst. Bereits im 19. Jahrhundert wollte man den städtischen Anbau von Nahrung so ausrichten, dass Lebensmittel, je länger sie haltbar waren, umso weiter von ihrem Verkaufsort entfernt angebaut wurden.

Der Anbau von Nahrungsmitteln innerhalb der Stadt ist auch für mögliche Engpässe einer städtischen Lebensmittelversorgung von Bedeutung, die nicht nur aufgrund ihres hohen Importanteils stark dem Einfluss unterschiedlicher Faktoren unterliegt. Orte, an denen es häufig zur Unterbrechung von Versorgungsketten kommt, haben dies bereits gezeigt: So baut etwa die Hälfte der Einwohner Moskaus selbst Nahrungsmittel an. In Kuba wiederum hat sich nach dem Fall der Sowjetunion, von deren gemeinsamen Handel die Wirtschaft des Landes stark abhängig war, eine neue Versorgungsstrategie etabliert. Man setzte auf kleine landwirtschaftliche Betriebe innerhalb der Städte und deren Umfeld, die unabhängig von schwerem Gerät wie Traktoren produzieren konnten und auch durch kurze distanzen weniger Treibstoff bedürfen. Auch im heutigen Paris sind viele innerstädtische Grünflächen geschichtlich hierauf zurückzuführen.

Technik trifft Initiative

Da das Urban Gardening Menschen begeistert und gleichzeitig Wissen vermittelt, fördert es vor allem das Vorankommen des Themas in Politik und Wirtschaft. Auf lange Sicht dürften verwandte Konzepte größeren Maßstabs, wie das Urban- Vertical- und Infarming, für die nachhaltige Versorgung in Städten besonders relevant werden. Dabei spielen heute bereits verfügbare und gerade aufkommende Technologien eine große Rolle.

Das Vertical Farming, bei dem allerdings auch Nutztierhaltung nicht ausgeschlossen ist, zielt darauf ab, mit Hilfe von moderner Technik mehrstöckige Gebäude – sogenannte “Farmscrapers” – zur Produktion von Obst und Gemüse, Pilzkulturen und Algen zu nutzen. Auf der einen Seite würde das die störanfälligen Versorgungssysteme in Städten autarker machen, ressourcenlastige und CO2 produzierende Transportwege reduzieren und Produkte kurzer Haltbarkeit ganzjährig verfügbar machen. Allerdings wird für die technischen Anlagen im Gegenzug mehr Energie für Lampen und andere Geräte benötigt wird. Eindrucksvolles Beispiel für solche vertikalen Farmen ist die Anlage “Sky Greens” in Singapur, die hydraulische Technik verwendet um allen Pflanzen, die in der vertikalen Farm wachsen, das nötige Licht zu geben. Kleinere Formen von technischen Gewächshäusern sind auch für den Privaten Haushalt in Entwicklung und könnten den durchschnittlichen Stadtbewohner von morgen ein Stück weit zum Selbstversorger zu machen.

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