Skill Sharing: Life-Support aus der Community per Video-App

© Guzz.io

Wir stellen den Kontakt her und ermöglichen Hilfe zur Selbsthilfe. Guzz ist also gewissermaßen das jederzeit geöffnete Reparatur-Café.“ – Tom Brückner (Gründer von Guzz) im Interview.

22.06.2017

Grüne-Startups.de: Würden Sie uns Guzz.io kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

Gründer Tom © Guzz.io
Gründer Tom © Guzz.io

Tom Brückner: Guzz ist eine Videochat-App, über die sich Menschen in praktischen und kreativen Dingen unterstützen – wenn YouTube nicht mehr weiterhilft.

Die Idee entstand, als an einem Wochenende unsere Waschmaschine ihren Geist aufgab. Wir haben vier Kinder, also wollten wir das Problem schnell beheben. Trotz Sichtung unzähliger Videos bekamen wir die Ablaufpumpe kaum heraus und bestellten am Ende auch noch das falsche Ersatzteil.

Wir fragten uns: Warum gibt es eigentlich keine App, über die man in einem solchen Fall direkten Kontakt zu einem Menschen aufnehmen kann, der sich mit der Materie besser auskennt und einfach mal für fünf Minuten mittels der eingebauten Kamera auf das Problem drauf schaut?

Als wir Freunden und Bekannten von dieser Vision berichteten, wurde uns schnell klar, dass es auch jenseits von Reparaturen unzählige weitere Anwendungsfälle für Live-Support in praktischen Fragen, komplexen Entscheidungen oder kreativen Dingen gibt. Beispielsweise das Erlernen eines Musikinstruments außerhalb der Öffnungszeiten einer Musikschule, die Ideenfindung für eine anstehende Hausrenovierung oder das Einüben einer Fremdsprache mit einem Muttersprachler am anderen Ende der Welt. Also beschlossen wir kurzerhand, unsere App für „Nachbarschaftshilfe im 21. Jahrhundert“ selbst zu entwickeln.

Im Kern funktioniert Guzz ähnlich wie Skype, allerdings ist ein soziales Netzwerk integriert, welches Ratsuchende und „Guzz-Gurus“ zusammenbringt. Guzz basiert auf dem Prinzip der Sharing Economy, d.h. jeder kann zum Guru für das eigene Thema werden. Mittlerweile haben wir über 200 Gurus für über 400 Themen auf der Plattform, von Gartenbewässerung über glutenfreies Kochen bis hin zu 3D-Druck ist alles mit dabei.

Welches grüne Problem möchte Guzz.io lösen und welche Vision steckt hinter dem Konzept?

Zum einen möchten wir zur nachhaltigen Lebensweise beitragen. Viel zu viele Dinge werden heutzutage weggeworfen, obwohl man sie problemlos reparieren und weiternutzen könnte. Was oft daran liegt, dass man niemanden kennt, der das nötige Knowhow besitzt. Wir stellen den Kontakt her und ermöglichen Hilfe zur Selbsthilfe. Guzz ist also gewissermaßen das jederzeit geöffnete Reparatur-Café. Und in der Tat arbeiten wir eng mit Reparatur-Cafés zusammen, da sich beide Ansätze gut ergänzen.

Wir sehen aber auch jenseits von Reparaturen viele weitere Anwendungsfälle im „grünen Bereich“, in denen man individuellen Rat eines „echten“ Menschen benötigt. Wir haben beispielsweise Gurus auf der Plattform, die sich mit Imkerei, Gartenbau, Kräuterheilkunde oder erneuerbaren Energien auskennen, und selbst der Deutsche Meister im Schafscheren ist „Guzz-Guru“.

Wie und von wem wird Ihr Angebot genutzt und ist eine gesteigerte Nachfrage erkennbar?

Die Nutzer kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft und aus allen Altersgruppen. Da wir uns am Anfang vor allem auf Themen rund um Haus, Garten und Hobby konzentriert haben, liegt hier der Schwerpunkt der meisten Gurus. Die Nutzerzahlen steigen langsam aber stetig, wie das in der Anfangsphase eines sozialen Netzwerkes immer der Fall ist. Regelrechte Schübe haben wir immer dann bekommen, wenn wir in den Medien präsent waren. Beispielsweise wurden wir letztes Jahr für die SWR-Landesschau und ein Verbrauchermagazin porträtiert.

Wie kann man nachhaltiges Verhalten für die breite Masse attraktiver machen?

Unter anderem dadurch, dass man niederschwellige Angebote macht, die sich auch vom heimischen Sofasessel aus nutzen lassen. Hier setzen wir mit Guzz an.

Wie sieht ihr Geschäftsmodell aus?

Derzeit ist noch gar kein Geschäftsmodell etabliert, da wir erst einmal die Nachfrage austesten wollten. Geplant ist aber, dass unsere Gurus künftig – wenn sie dies möchten – ihre Unterstützung auch gegen Entgelt anbieten können. In diesem Fall erhalten wir eine Provision, über die sich die Plattform refinanziert.

Was waren die bisher größten Herausforderungen für Guzz.io?

Am Anfang haben wir geglaubt, dass die größte Herausforderung darin bestehen würde, Gurus zu finden. Aber das war eigentlich ganz einfach – die Hilfsbereitschaft der Menschen ist hoch. Viel schwieriger ist es, unser Projekt bei jenen bekannt zu machen, die Unterstützung benötigen, also bei der Nachfrageseite. Denn man muss die App in diesem Moment ja kennen. Hier haben sich PR-Maßnahmen und Aktionen in anderen sozialen Netzwerken wie Facebook bislang am effektivsten erwiesen.

Glauben Sie, man kann die Gewohnheiten der Menschen beim Kaufen und Verbrauchen langfristig ändern?

In vielen Fällen ist das ja bereits gelungen, wenn man sich Beispiele wie das Dosenpfand oder Aktionen zur Abschaffung von Plastiktüten sehen kann. Es dauert halt nur sehr lange und benötigt viel Überzeugungsarbeit.

Ihr Insidertipp: Welches grüne Produkt hat Sie zuletzt fasziniert?

Eine Lösung, mit der Plastik aus den Weltmeeren abgefischt werden soll.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*