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Nachhaltige Geschäftsideen, die keiner kennt – die uns aber Millionen Tonnen an CO2 sparen könnten

E-Autos, Bioplastik oder vegane Fleischalternativen – Ideen, um Nachhaltigkeit umzusetzen, gibt es viele. Doch neben den Problemen und Lösungsideen, die bereits große Teile der Gesellschaft kennen, existieren weitreichende Problemfelder, die nur wenigen Menschen bewusst sind. Dr. Lutz Müller ist Projektleiter der Gründerinitiative Science4Life e.V.. Im Rahmen des jährlich ausgetragenen Businessplan-Wettbewerbs kommt er in Berührung mit unzähligen Geschäftsideen junger Start-ups, die nachhaltige Veränderungen anstreben. Er gibt Einblick in drei Ideen, auf die vermutlich die wenigsten so schnell gekommen wären und die das Potenzial haben, neue Standards zu setzen.

Tiefkühllager als Energieschlucker

Bei dem seit mittlerweile anderthalb Jahren anhaltenden Hype um Künstliche Intelligenz (KI) ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Geschäftsideen die Technologie zunutze machen, um nachhaltige Ideen effizienter zu gestalten oder überhaupt erst umzusetzen. Einige Gründerteams lösen mit KI Probleme, von denen wohl kaum jemand überhaupt etwas weiß. So auch das Team von fleXality: Ihr Geschäftsmodell könnte man wohl am besten mit „Tiefkühllager-Trading” umschreiben. Tiefkühllager verbrauchen große Mengen an Strom, um ihre Temperaturen konstant niedrig zu halten. Das ist generell nicht nur wenig nachhaltig, sondern auch ziemlich teuer. Gleichzeitig laufen die Kühlungen nicht konstant, sondern kühlen intervallweise – genau in diesen Intervallen läuft der Stromzähler. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel: Durch eine KI-getriebene Systemlösung wird zum optimalen Zeitpunkt gekühlt. Also dann, wenn Strompreise niedrig sind und der Kältebedarf gegeben ist. Die Software individualisiert die Kühlung so weit, dass alle möglichen Einsparpotenziale genutzt werden und das Lager nachhaltiger läuft.

Edelmetallfreie Chemieprozesse

Auch die Nachhaltigkeitsprozesse anderer Branchen profitieren von Künstlicher Intelligenz. Gerade in der Chemieindustrie werden dringend Nachhaltigkeitstreiber benötigt, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Einen davon liefert xemX mit ihrer KI-Lösung: Für die Herstellung von etwa 80 Prozent der Chemieerzeugnisse werden katalytische Prozesse eingesetzt, für die Katalysatoren gebraucht werden – also Stoffe, die chemische Reaktionen beeinflussen. In Katalysatoren stecken wertvolle Edelmetalle – kostspielige Ressourcen, die noch dazu häufig umweltschädlich abgebaut werden. Das Bochumer Start-up nutzt eine KI- Software, um edelmetallfreie Werkstoffkombinationen zu finden, mit denen der Katalyseprozess ebenfalls funktioniert und macht so den Edelmetallabbau für diese Prozesse überfällig. Das Gründerteam konnte so schon über 100.000 Zusammensetzungen testen, die potenziell Anwendung finden könnten.

Das Problem mit dem Wasserstoff

Mit Blick auf eine nachhaltigere Zukunft gestaltet sich Wasserstoff zwar als vielversprechender Energieträger, doch seine Speicherung und sein Transport stellen Experten vor enorme Herausforderungen: 53.000 Kilometer an Pipelines werden aktuell in Europa benötigt. Meist werden diese aus Stahl gefertigt, dessen Herstellung wenig nachhaltig ist: Pro Tonne Stahl entstehen über zwei Tonnen CO2-Emissionen. Das macht den Prozess laut Max-Planck-Institut zur größten einzelnen industriellen Quelle von Treibhausgas-Emissionen. Zudem kann beim Transport von Wasserstoff der Stahl leicht beschädigt werden und Lecks können in der Pipeline auftreten, was ihn nicht zum idealen Material für diese Aufgabe macht. fiberior aus Kaiserslautern löst gleich mehrere dieser Probleme: Das Start-up hat eine neuartige Rohrleitung aus Faser-Thermoplast-Verbunden entwickelt. Der Herstellungsprozess der Thermoplast-Teile ist nicht nur deutlich nachhaltiger und kostengünstiger als das konventionelle Verfahren, sie halten auch deutlich höherem Druck stand als Alternativen aus Stahl. Das macht sie zum idealen Material, um Wasserstoff sicher zu transportieren. Zudem bietet der Werkstoff die Funktion, den Druck in der Pipeline dynamisch zu regulieren. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, das System zu nutzen, um Wasserstoff nicht nur zu transportieren, sondern darüber hinaus die Energie zu speichern, falls sie nicht sofort benötigt wird.

Das alles sind nur drei von unzähligen Ideen junger Start-ups, die sich mit Problemen beschäftigen, welche für Außenstehende marginal erscheinen, doch in Wahrheit großen Einfluss auf wichtige Branchen sowie auf die Umwelt haben. Sei es auf die mehr als 5.000 Chemiehersteller in Deutschland, die Stahlindustrie mit einem CO2-Ausstoß von rund 55 Millionen Tonnen im Jahr oder die unzähligen Tiefkühllager, in denen TK-Ware für das ganze Land auf ihren Weitertransport wartet. Genau deshalb sollte diesen jungen Gründerinnen und Gründern eine Plattform geboten werden, um mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen – und genau das machen wir bei Science4Life.

Über Dr. Lutz Müller
Dr. Lutz Müller ist Projektleiter des Science4Life e.V.. Science4Life richtet einmal jährlich Deutschlands größten Businessplan-Wettbewerb für Life Sciences, Chemie und Energie aus. Am 1. Juli 2024 findet die Abschlussprämierung der aktuellen Wettbewerbsrunde statt, in der die besten Businesspläne ausgezeichnet und mit Preisgeldern von bis zu 25.000 Euro belohnt werden.

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