Grüne Scanner-App für bewusstes Einkaufen im Supermarkt

Horst Levien (links) und Alexander Wolff (rechts) © foodnav

„Wenn wir es schaffen, dass der Käufer optimal aufgeklärt ist, dann wird er auch jetzt schon mehr pflanzliche Nahrungsmittel kaufen und weniger Chemie.“ – so foodnav-Mitgründer Alexander Wolff im Interview.

21.06.2017

Würden Sie uns foodnav kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

foodnav wird eine App, die alle Informationen, die da draußen zu einem Lebensmittel existieren an einem Ort, eben in unserer App, zusammen bringen soll. Das können Basisdaten sein wie Zutaten, Informationen zur Eignung für verschiedene Unverträglichkeiten, Umwelt- oder Gesundheitsinformationen. Die App zeigt aber auch an, ob ein Produkt vegan oder vegetarisch ist.

Das Prinzip ist ganz einfach: Der User legt ein Ernährungsprofil an, mit allen Informationen zu seinen Ernährungsvorlieben und –bedürfnissen. Dann scannt er den Barcode eines Produkts und sieht auf den ersten Blick, ob das Produkt zu ihm passt oder nicht. Die Idee hatten wir Ende 2014, weil wir im Supermarkt immer sehr viel mit Lesen von Produktverpackungen beschäftigt waren. Horst Levien, unser Geschäftsführer, ist ja Vegetarier, ich habe verschiedene Lebensmittelunverträglichkeiten. Und rauszubekommen, ob ein Produkt zu einem passt oder nicht, ist gar nicht so einfach. Dafür braucht man ein gewisses Fachwissen und muss eben jede Zutatenliste lesen.

Wir haben dann angefangen Logiken zu entwickeln und Quellen zu finden, um das alles abbilden zu können. Da wir nur sehr begrenzte Ressourcen haben und foodnav lange ein Nebenprojekt war, hat das etwas gedauert. Uns war es wichtig, wirklich zuverlässige und aktuelle Produktinformationen liefern zu können und nur mit zuverlässigen Quellen zu arbeiten. Das schaffen wir, indem wir die Basisdaten von ecoinform und zukünftig wohl auch von 1WorldSync beziehen, wo die Hersteller ihre Produktdaten selbst eintragen. Mitte 2016 haben wir dann endlich mit der Entwicklung unseres Backends zur Verarbeitung der Daten und mit der Entwicklung unserer App begonnen, die Mitte/Ende des Jahres in einer ersten Version fertig sein wird. Bis dahin haben wir viel an den Logiken gearbeitet, die dahinter stehen, um beispielsweise die teilweise sehr kryptischen Zutatenlisten mit unserer Zutatendatenbank abgleichen zu können und dort auch Sonderfälle abfangen zu können, um teilautomatisiert sagen zu können, ob ein Produkt vegan oder vegetarisch ist und welche Allergene es enthält.

Wie will foodnav zu einer nachhaltigeren Gesellschaft beitragen?

Wir wollen den Menschen alle relevanten Informationen zu jedwedem Lebensmittel an einem zentralen Ort zur Verfügung stellen und so seine Kaufentscheidung positiv beeinflussen. Vielen Menschen fehlt es an Informationen beim Einkauf, um nachhaltig zu konsumieren. Man hat ja nicht immer sämtliche Studien, Testberichte und Medienberichte zu Lebensmitteln parat, wenn man überlegt, ob man das Produkt jetzt kaufen soll oder nicht. Das wollen wir mittelfristig ändern. Dafür haben wir z.B. bereits mit dem WWF und Greenpeace gesprochen, die uns Informationen zur Verfügung stellen, die wir dann auf das einzelne Produkt individuell herunter brechen. Vom WWF gibt es beispielsweise eine „Palmöl Scorecard“, wo Hersteller bewertet werden, wie nachhaltig sie mit dem Rohstoff Palmöl umgehen. Wir können mit unserem System diese Information auf das Produkt runter brechen. Soll heißen, wenn ein Produkt eines bestimmten Herstellers Palmöl enthält, so zeigen wir genau die Wertung für diesen einen Hersteller an und nicht nur irgendeine allgemeine Info zum Thema Palmöl. Diese Funktion haben wir schon vorbereitet, zunächst werden wir aber mit Lebensmittelunverträglichkeiten, veganer und vegetarischer Ernährungsweise anfangen.

 

Wichtige Infos im richtigen Moment. © foodnav
Wichtige Infos im richtigen Moment. © foodnav

 

In naher Zukunft könnten in immer mehr deutschen Haushalten kleinere Vertical-Farming-Lösungen sein. Glauben Sie, dass dadurch vielleicht auch mehr auf pflanzliche Nahrungsmittel zurückgegriffen wird?

Ich glaube es scheitert bislang nicht an der Verfügbarkeit von pflanzlichen Nahrungsmitteln, sondern am Wissen der Käufer. Wenn wir es schaffen, dass der Käufer optimal aufgeklärt ist, dann wird er auch jetzt schon mehr pflanzliche Nahrungsmittel kaufen und weniger Chemie. Es gibt nirgends so eine hohe Supermarktdichte wie in Deutschland und mittlerweile zumindest in Städten auch an jeder Ecke einen Bio-Supermarkt. Wenn die Leute wollten, könnten sie also auch jetzt schon jederzeit auf pflanzliche Lebensmittel zurückgreifen. In Deutschland sehe ich daher keinen allzu großen Markt für Vertical Farming in absehbarer Zeit. In anderen Ländern sieht die Sache sicher anders aus. Vertical Farming ist natürlich ein interessantes Modell, um langfristig die Versorgung der wachsenden Erdbevölkerung sicher zu stellen, ohne die Umwelt dafür zu sehr zu belasten.

Welche Trends verfolgen Sie im Bereich Vegane Ernährung mit Spannung?

Dass immer mehr große Lebensmittelkonzerne auf den Zug aufspringen. Rügenwalder Mühle hat es ja mit seiner vegetarischen Wurst vorgemacht und fährt wohl sehr gut damit, mittlerweile ziehen sogar Firmen wie Wiesenhof nach. Allerdings wurde schon festgestellt, dass der Absatz veganer Produkte dennoch gerade nicht signifikant wächst. Daher ist die Frage, ob dieser Trend nachhaltig ist oder eben nur ein Trend, der wieder abebbt.

Da ist auch oft die Frage, was denn da ansonsten noch drin ist. Nur weil etwas vegan ist, ist es ja noch lange nicht gesund oder umweltfreundlich produziert. Oft sind z.B. in veganen Fertigprodukten jede Menge E-Stoffe und Chemie enthalten. Hier wollen wir mit unserer foodnav-App zu mehr Aufklärung beitragen. Hinzu kommt natürlich auch eine ethische Frage: Will ich als Veganer wirklich ein veganes Produkt von einer Firma kaufen, die gleichzeitig massenweise Fleischprodukte verkauft? Gleichzeitig gibt es immer mehr Food-Startups, die gesunde, zum Teil auch vegane Produkte anbieten. Auch diese Entwicklung ist spannend zu verfolgen.

Was waren die bisher größten Herausforderungen für foodnav?

Wir haben uns das am Anfang alles leichter vorgestellt. Insbesondere die Datenverarbeitung ist sehr komplex und es hat gedauert bis wir das erst mal in der Theorie raus hatten, wie das alles funktionieren muss. Da hätten wir am Anfang besser planen müssen, anstatt uns einfach relativ blind in das Projekt zu stürzen. Zudem hätten wir unser Team am Anfang besser aufstellen müssen. Im Alltag bin ich in der Vergangenheit oft Einzelkämpfer gewesen. Das ändern wir aber gerade und stellen uns als Team neu auf. Es werden jetzt tolle Leute mit rein kommen, auf die ich mich sehr freue.

Generell ist es besonders schwer, den richtigen Programmierer für ein solch komplexes Projekt zu finden. Auch da haben wir etwas rumprobieren müssen, bis wir die richtigen Leute hatten. So sind wir hier und da immer wieder auf die Schnauze gefallen und werden im Endeffekt dann knapp 3 Jahre brauchen, um ein richtig tolles Produkt auf die Beine zu stellen. Das erfordert auch viel Durchhaltevermögen und manchmal zweifelt man natürlich auch daran, dass alles klappen wird.

In Zukunft wird die Monetarisierung eine große Herausforderung sein. Zudem müssen wir das Vertrauen der User gewinnen, die in unserem Bereich zurecht sehr kritisch gegenüber neuen Produkten sind. Dafür müssen wir eine hohe Qualität liefern, was unsere Produktinformationen angeht. Die konstant hoch zu halten, wird die größte dauerhafte Herausforderung, der wir uns aber gerne stellen.

Welche langfristigen Ziele verfolgt das Unternehmen?

Wir wollen wie schon erwähnt möglichst alle Informationen, die es zu einem Lebensmittel gibt an einem Ort zusammenbringen. Das bedeutet, wir wollen mit möglichst vielen Verbänden, Testzeitschriften, Organisationen, etc. kooperieren, um deren Informationen dort anzeigen zu können, wo sie gebraucht werden: Beim Einkauf, direkt auf das betreffende Produkt bezogen und angepasst an die Bedürfnisse des Einzelnen.

Langfristig ist auch eine Internationalisierung geplant. Zudem finde ich die aktuellen Entwicklungen im Bereich Augmented Reality interessant. Es wäre irgendwie cool, wenn man irgendwann nicht mehr den Barcode scannen muss, sondern einfach das Smartphone vor das Regal hält und sofort sieht, welches Produkt für einen geeignet ist und welches nicht. Das Frauenhofer Institut hat gerade eine App entwickelt, die das Smartphone in ein Spektrometer verwandelt. Sowas wollen wir irgendwann auch in unsere App integrieren, um Produkte und ihre Eigenschaften noch einfacher erkennen zu können. Es gibt da auf technischem Gebiet noch viel Entwicklungspotential, das ich persönlich sehr spannend finde. Gerne würden wir das Ganze auch auf andere Produktgruppen ausweiten, beispielsweise auf Kosmetik. Man kann das System aber vielleicht auch auf Unterhaltungselektronik anwenden, dann mit einem anderen inhaltlichen Fokus versteht sich.

Welche Rolle wird Ihrer Meinung vegetarische und vegane Nahrung in zehn Jahren spielen?

Das finde ich schwer, das einzuschätzen. Vegetarier und Veganer wird es sicher immer geben. Derzeit bin ich mir aber nicht so sicher, ob es in der Masse tatsächlich eine nachhaltige Entwicklung oder nur ein vorübergehender Trend ist, dass sich immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan ernähren.

Klar ist, dass wir alle unseren Lebensmittelkonsum überdenken müssen. Dass Lebensmittel so billig sind wie in Deutschland, wird nicht dauerhaft funktionieren. Wir werden daher gezwungen sein, uns bewusster zu ernähren und vor allem auch weniger zu verschwenden. Ob das dazu führen wird, dass sich mehr Menschen vegan oder vegetarisch ernähren kann ich nicht sagen. Der Konsum tierischer Produkte wird aber glaube ich in jedem Fall abnehmen. Die Leute werden zwar weiter Fleisch essen, aber dann nicht mehr täglich und billig, sondern eher vielleicht so einmal die Woche und dann bio.

Ihr Insidertipp: Welches grüne Produkt hat Sie zuletzt fasziniert?

Buah! Das ist ein Startup aus Berlin, das vegane Smoothie-Mischungen macht, die ganz einfach zuzubereiten sind. Das ist wirklich 100% Frucht und Gemüse, ohne Zuckerzusatz oder Ähnliches.

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