Die EinDollarBrille für den guten Zweck

©EinDollarBrille gewinnt beim Next Economy Award in der Kategorie "People"

Die EinDollarBrille verschafft den Durchblick: Dafür sorgt ein gemeinnütziges Startup, das in diesem Jahr den Next Economy Award gewonnen hat.

11.12.2017 – Das Interview führte Stefanie Suckau

Grüne-Startups.de: Kannst du die EinDollarBrille kurz vorstellen? Welche Idee steckt dahinter?

Claudia Wittwer: Rund 150 Millionen Menschen auf der Welt leiden laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO unter einer behebbaren Fehlsichtigkeit, können sich aber keine herkömmliche Brille leisten und haben meist auch keinen Zugang zu Optikern. Die Folgen dauern oft genug ein Leben lang an: Kinder können dem Unterricht nicht folgen, Erwachsene keine qualifizierte oder auch gar keine Arbeit ausüben, und damit ihre Familien nicht ernähren. Der geschätzte Einkommensverlust, der daraus resultiert, beträgt rund 120 Mrd. US-Dollar pro Jahr – in etwa das Volumen der jährlichen weltweiten Entwicklungshilfe.

©EinDollarBrille wird handgefertigt
Die ©EinDollarBrille wird handgefertigt

Martin Aufmuth, Gründer und Vorstand der Organisation EinDollarBrille e.V., hat eine durchdachte und praktikable Lösung für dieses Problem entwickelt: Die EinDollarBrille! Sie besteht aus einem extrem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen und wird auf einer einfachen Biegemaschine vor Ort hergestellt. Die Materialkosten für eine Brille betragen rund einen US-Dollar; der Verkaufspreis liegt bei zwei bis drei lokalen Tageslöhnen. So können sich auch sehr arme Menschen die Brille leisten. Aus dem Verkaufserlös der Brillen werden die Gehälter im Land bezahlt und Material für neue Brillen nachgekauft – ein nachhaltiges und langfristig auf finanzielle Unabhängigkeit angelegtes Geschäftsmodell.

Darüber hinaus werden in den Projektländern lokale Fachkräfte in Herstellung und Vertrieb der EinDollarBrillen sowie in einfacher Refraktion trainiert und es entstehen neue Arbeitsplätze. Derzeit ist die Organisation EinDollarBrille e.V. in Afrika (Äthiopien, Burkina Faso, Malawi, Kenia), Lateinamerika (Bolivien, Brasilien, Mexiko) und Asien (Indien) aktiv, weitere Ländern sollen folgen. Das Ziel: eine weltweite Versorgung mit hochwertigen und dabei bezahlbaren, robusten und individuell angepassten Brillen – und eine finanziell unabhängige augenoptische Grundversorgung der Bevölkerung in Entwicklungsländern.

Was für ein Produkt bietet ihr an? Was ist das Besondere daran?

Die EinDollarBrille besteht aus einem extrem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen. Die vorgeschliffenen Gläser bestehen aus Polycarbonat mit gehärteter, kratzfester Oberfläche. Verfügbar sind sie in Stärken von -8,0 Dioptrien bis +10,0 Dioptrien in 0,5 Dioptrin-Schritten. Mit einem einzigen Handgriff werden sie in den Rahmen eingeklickt – und fertig ist die schnellste Brille der Welt. Bunte Glasperlen und farbige Schrumpfschläuche verleihen der Brille ein individuelles Design. Hergestellt wird die EinDollarBrille auf einer einfachen Biegemaschine vor Ort; teure Schleifmaschinen und elektrischer Strom werden nicht benötigt.
Die Materialkosten für eine Brille liegen bei rund 1 US-Dollar. Der Verkaufspreis liegt bei 2 bis 3 lokalen Tageslöhnen; somit können sich auch sehr arme Menschen die Brille leisten. Die EinDollarBrille ist somit extrem stabil, flexibel, hat ein attraktives Design und ist sehr günstig; damit ist sie perfekt geeignet für den Einsatz in Entwicklungsländern.

Welche Philosophie verfolgt euer Startup?

Da wären verschiedene Punkte zu nennen: Das Wachstum unserer Projekte in den verschiedenen Ländern wird „nach Maß“ betrieben und ist darauf ausgerichtet, erst einmal Strukturen – Produktion, Vertrieb, Ausbildung – zu festigen, bevor ein anderes Land ins Visier genommen wird. Bei der Auswahl unserer Projektländer haben wir zweierlei Aspekte im Blick: Zum einen möchten wir natürlich möglichst viele Menschen erreichen; dafür eignen sich Projektländer wie Indien. Zum anderen möchten wir aber auch etwas ganz Neues schaffen, unter anderem indem wir in bitterarmen Ländern wie Burkina Faso oder Malawi Arbeitsplätze schaffen, Menschen ausbilden und gleichzeitig eben Bedürftige mit Brillen versorgen. Hier geht es dann weniger um die Zahl der Menschen, denen wir helfen können, als darum, unter besonders schwierigen Bedingungen erfolgreich zu sein.

©EinDollarBrille
©EinDollarBrille

Der NEA zeichnet Startups aus verschiedenen Themenbereichen der Nachhaltigkeit aus – Wie setzt sich EinDollarBrille für Nachhaltigkeit ein?

Die Arbeit der EinDollarBrille zielt auf Verbesserungen mit langfristiger Wirkung ab, und zwar in den Feldern Gesundheit, Bildung sowie soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Deshalb endet unser Konzept auch nicht damit, dass wir die Menschen einmalig mit Brillen versorgen – und sie dann alleine lassen. Stattdessen haben wir eine Lösung entwickelt für die komplette Wertschöpfungskette, von der Auswahl der passenden Materialien zur Herstellung der Brillen, über die Produktion der EinDollarBrillen vor Ort, bis hin zur Ausbildung von lokalen Fachkräften in Herstellung und Vertrieb der Brillen. Zudem hat der EinDollarBrille e.V. in enger Zusammenarbeit mit Augenärzten und Optikern ein eigenes, einjähriges Ausbildungskonzept für Best-Spherical-Correction (BSC) entwickelt, das dazu befähigt, beim Sehtest zuverlässig das bestmögliche sphärische Brillenglas zu finden und die Brille fachkundig anzupassen. Damit gleicht unsere Organisation einen gewaltigen Mangel in vielen Ländern aus, wo es häufig zu wenige Optiker gibt – und die Optiker, die es gibt, kümmern sich nicht um die Belange der ganz armen Menschen, denn an ihnen verdienen sie nichts.

Abgesehen davon setzen wir auf die „Hebelwirkung“ von Brillen: Wer gut sieht, kann dem Unterricht in der Schule folgen und hat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Eine Brille kann demnach einiges in Bewegung setzen.
Nachhaltig ist außerdem unser Finanzierungskonzept: Der Aufbau der Projektstrukturen in den Ländern wird durch Spenden finanziert. Wenn das System etabliert ist soll es sich langfristig selber tragen.

Welche Pläne und Ziele habt ihr mit EinDollarBrille für die Zukunft?

Die EinDollarBrille hat in den fünf Jahren ihres Bestehens unter anderem etwa 100.000 Menschen in Entwicklungsländern mit Brillen versorgt und rund 100 Arbeitsplätze geschaffen. Diese Erfolge möchten wir natürlich ausbauen und in unseren Projektländern noch mehr Menschen erreichen, unsere Vertriebsstrukturen weiter entwickeln und neue Partner finden, die die Verbreitung unserer Brillen unterstützen. Für all das brauchen wir jedoch noch weitere Spender und Förderer, und vor allem motivierte Aktive, die die Arbeit unserer Organisation unterstützen.

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