Der Energiemarkt ist ein komplexes System, das von Bereitstellung und Bedarf abhängig und häufig mit preislichen Schwankungen verbunden ist. Besonders die angestrebten Klimaziele bezüglich dem Ausbau der erneuerbaren Energien wirken sich aktuell auf den Energiemarkt aus und führen zu unfairen und unnachhaltigen Ausgangssituationen. Das Startup EnergieDock möchte in diesen Zeiten Lösungen bieten, die für mehr Fairness im Energiemarkt sorgen und intelligent eingesetzt werden können. Welche das sind und wie das Startup dazu kam, verrät dir Gründer Tim im Interview.

Gruene-Startups: Mit EnergieDock möchtet ihr den Energiemarkt ökologischer und fairer gestalten. Wie kamt ihr zu dem Thema und was ist euere Mission?

Tim: Als Wissenschaftler an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) haben wir (Tim Dethlefs, Tim Plath und Thomas Preisler) uns seit vielen Jahren mit der Forschung und Entwicklung im Bereich der Energiemärkte beschäftigt. Die Erfahrungen, die wir in deutschlandweiten und teilweise auch internationalen Projekten sammeln konnten, zeigten, dass es hier einen großen Nachholbedarf gibt, wenn das 100%-Ziel der Energiewende erreicht werden soll.

Dazu einige Hintergrundinfos: Am Horizont waren bereits die neuen Megatrends Elektromobilität und Wärmewende abzusehen, die den Haushaltsverbrauch bis 2050 nochmal verdreifachen werden. Wir sprechen in diesem Zusammenhang gerne vom All-Electric Household, d.h., dass zukünftig der gesamte Energiebedarf für Wohnen, Wärme/Kälte und Mobilität aus elektrischer Energie bezogen wird. Leider waren nur wenige Lösungen in der Diskussion, wie solche Haushalte im 100%-EE-Netz der Zukunft eingebunden werden können und wie der Transformationsprozess gestaltet werden kann. Das Stromnetz, wie wir es heute nutzen, ist ursprünglich für zentralisierte Kraftwerke ausgelegt. Die Windkraft wird so häufiger mal abgeregelt, weil das Netz überlastet ist. Allein diese Abregelungen kosten uns alle bereits über 1 Mrd. € pro Jahr an Entschädigungen und Ausgleich und sorgen dafür, dass viel CO2 im deutschen Strommix landet. Denn die abgeschalteten Windräder werden durch das Hochfahren von CO2-intensiven Kraftwerken ausgeglichen. Das treibt z.B. E-Autofahrer um, die eigentlich etwas Gutes für die Umwelt tun wollen, aber durch die Abregelungen Graustrom ins Auto laden. Diese Abschaltungen sollten auch auf andere Bereiche, gerade bei Endkunden, erweitert werden. Wenn zu viele Elektroautos in einer Straße gleichzeitig laden, sollte der Netzbetreiber den Ladevorgang für zwei Stunden sperren können. Dieser Vorschlag hat nicht die Zustimmung des Wirtschaftsministers gefunden und rief Widerspruch von Endkunden und Autoherstellern hervor.

In diesem Umfeld haben wir uns die Mission gesetzt, einen fairen Energiemarkt zu schaffen, der grünen Strom in z.B. E-Autos und Wärmepumpen bringt, ohne die Netze zu überlasten. Dazu setzen wir auf digitale Lösungen beim Kunden, mit denen dieser die Verlagerung seines Lade- oder Heizzeitraums um wenige Stunden freiwillig anbieten kann und dafür einen finanziellen Anreiz vom Netzbetreiber erhält, da der Kunde etwas Gutes für das Netz getan hat.

EnergieDock
Tim Plath und Tim Dethlefs von EnergieDock (Bild: Tim Plath).

Was kennzeichnet den Energiemarkt aktuell und welche Probleme gibt es?

Das ist eine gute Frage. Zum einen haben wir eine riesige Transformationsbewegung mit der Energiewende. Auch wenn sich das Tempo in den letzten Jahren deutlich verlangsamt hat, hat der Wandel starke Auswirkungen auf den Energiemarkt an sich, da die Preise inzwischen maßgeblich von der volatilen Windeinspeisung abhängig sind. Eindrucksvoll wurde auch mit dem aktuellen Energiepreisschock gezeigt, wie ein nach Corona steigender Verbrauch, ein etwas schwächeres Windjahr und insbesondere die Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus politischen Spannungsregionen (insbesondere Gas, aber auch nukleare Brennstoffe) die Preise beeinflussen können.

Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch seit Jahren, mit kurzen Unterbrechungen, unvermittelt an. Aktuell gibt es jedoch wenig Möglichkeiten für die breite Masse an Endkunden auf die Entwicklungen zu reagieren. Eine Solaranlage auf dem Dach oder ein Speicher im Hauswirtschaftsraum sind oftmals Eigenheimbesitzern vorbehalten. In diesem Bereich kam es in den letzten Jahren zu einer Art Graswurzelbewegung bei IoT-Anbietern, die für diese Kunden lokale Märkte entwickelt haben. Dort werden Energiebilanzen ausgetauscht und versucht, Energie in diesen Communities zu verteilen. Die dabei entstehenden Datensilos binden die Nutzer oftmals an einen Anbieter und sie berücksichtigen meist nicht die Potentiale der unmittelbaren Nachbarn, die bei einem anderen Anbieter sind, geschweige denn den lokalen Netzzustand.

Es braucht also eine unabhängige Lösung, welche die intelligenten Potentiale der Endkunden im städtischen und ländlichen Raum in die Lage versetzt, auf die volatile EE-Einspeisung zu reagieren und gleichzeitig das Netz schützen kann. Dabei muss die Lösung so gestaltet werden, dass die Kunden Anreize erhalten, gute Investments zu tätigen und sich nicht abschotten.

Ihr bietet dazu digitale Lösungen an. Welche sind das konkret und wie können sie den Energiemarkt positiv verändern?

Mit NEMO.spot® haben wir einen unabhängigen Marktplatz geschaffen, auf dem Endkunden freiwillig Flexibilität anbieten können. Unter Flexibilität verstehen wir die Möglichkeit, Energie nicht sofort beziehen zu müssen. In der Praxis heißt das: Ein Kunde kommt abends nach der Arbeit mit seinem Elektroauto nach Hause und will es laden. Das Auto steht aber bis zu zwölf Stunden und wird erst am nächsten Morgen wieder benötigt. Diesen Zeitraum kann der Endkunde auf NEMO.spot® als Mutual Flexibility Agreement anbieten, ein digitales Produkt, das Netzbetreiber und Energieversorger nutzen können, um den Energiebezug innerhalb des Zeitraums zu verschieben. Dafür erhält der Endkunde eine Prämie. Mithilfe unseres Marktes, dem Handelsprodukt und unseren Optimierungsalgorithmen können wir für jede Situation passende Lösungen finden, um das Netz zu entlasten. Somit bieten wir die erste Lösung im Energiemarkt an, die aktiv alle Beteiligten (Energieversorger, Netzbetreiber und den Endkunden) in den Fokus nimmt und einen Mehrwert für alle schafft.

Somit nutzen wir das vorhandene Netz besser aus und können auch erneuerbare Energien besser nutzen, indem Erzeugung und Verbrauch besser abgestimmt werden. Darüber hinaus hat unser Ansatz das Potential die Kosten für alle Endkunden zu senken, egal ob sie intelligente Verbraucher haben oder nicht, denn eine bessere Nutzung des Netzes verhindert Abregelungen und Netzausbau und damit Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden müssten.

erneuerbare Energien
Das Produkt NemoSpot von EnergieDock (Bild: EnergieDock).

An welche Akteur*innen richten sich eure Leistungen konkret und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

In erster Linie an Energieversorger und Netzbetreiber, da energierechtlich der Handel zwischen diesen beiden stattfindet. In zweiter Linie sprechen wir auch Endkunden an, denn ein Bewusstsein für die Herausforderungen, aber auch Lösungen zu schaffen, ist uns unheimlich wichtig. Wir merken auch, dass dieses Bewusstsein für Energie in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Sowohl bei den Endkunden als auch bei den Energieversorgern und Netzbetreibern. Die ganze Branche beschäftigt sich mit der besseren Nutzung von Ressourcen und der intelligenten Verbraucherseite, hat aber noch keine gemeinsame Lösung gefunden.

Aktuell arbeitet ihr an dem Projekt „FlexHafen“ zusammen mit Green Planet Energy und dem Netzbetreiber Stromnetz Hamburg. Worum geht es bei dem Projekt und was ist euer Ziel?

Unser Projekt mit Green Planet Energy (GPE) und Stromnetz Hamburg (SNH) soll demonstrieren, wie intelligent gesteuerte Ladevorgänge von Elektroautos Energiewendedienlich eingesetzt werden können. Endkunden bieten dabei also die Ladevorgänge ihrer Autos in unserem Markt NEMO.spot® an und GPE kann die Ladevorgänge so verschieben, dass die Autos geladen werden, wenn bspw. viel Windstrom im Netz ist. SNH will wiederum untersuchen, wie unsere Lösung ihnen helfen kann, mit Flexibilität Engpässe in der Stadt aufzulösen. Eine Herausforderung beim Hochfahren der Ladeinfrastruktur und der Wärmewende ist der begrenzte Platz in einer Stadt. Mit verdichteter Wohnungsbebauung mit Wärmepumpen, Tiefgaragen mit Lademöglichkeiten und der öffentlichen Ladeinfrastruktur steigen die Anforderungen an das Stromnetz. Dabei bedeutet jeder Meter Netzausbau in einer Stadt enorme Kosten und führt zu Einschränkungen durch Baustellen.

Mit unserem Markt kann ein Teil des Problems gelöst werden, indem die Interessen und Bedingungen aller Beteiligten, also des Netzschutzes, der volatilen Einspeisung und der Endkunden nach einem geladenen Elektroauto, sinnvoll abgewogen werden.

Wir verfolgen darüber hinaus das Ziel, unseren Ansatz zu demonstrieren und zu belegen, dass Flexibilität einen wichtigen Beitrag zur Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende liefern kann. Und dass es uns gelingt alle Partner an einen Tisch zu holen, um einen Mehrwert für alle zu schaffen. Bislang arbeiten wir sehr gut und vertrauensvoll in dem Projekt zusammen und sind auf großes Interesse bei den Endkunden gestoßen. Wir hoffen in der Live-Phase des Projektes, die in einigen Wochen starten soll, neue Erkenntnisse zu gewinnen und unser Modell zu belegen.

Ihr steht noch in den Anfängen eures Unternehmens. Was konntet ihr bisher erreichen und was gestaltet sich als Herausforderung?

Die Energiebranche ist (zurecht) eine eher konservative Branche. Stabilität und eine gewisse Beständigkeit sind in der Energiewirtschaft keine leeren Worte, denn eine sichere Energieversorgung ist in unserer digitalisierten und vernetzten Gesellschaft eines der höchsten Versorgungsgüter überhaupt. Lösungen werden daher oftmals nur langsam adaptiert. Man braucht also einen sehr langen Atem und muss gleichzeitig Vertrauen schaffen. Wir haben jedoch das große Glück, bereits viele hervorragende Partner und Fürsprecher in der Branche gefunden zu haben.

Ein Meilenstein war sicherlich die Gründung mitten in den Anfängen der Corona-Pandemie im April 2020. Wir hatten uns viele Jahre auf die Gründung vorbereitet und sind zu diesem Zeitpunkt aus unserem Angestelltenverhältnis an unserer Hochschule ausgetreten. Dies war eine sehr spannende, aber auch herausfordernde Zeit. Als wir dann erste Kunden für Pilotprojekte gewinnen konnten, war die Freude groß.

Ein weiterer Meilenstein war die erste Ladung eines Elektroautos im Labor der Kiwigrid, das über unseren Markt gebucht wurde. Im Rahmen des Forschungsprojekts Flexhub konnten wir belegen, dass das System trotz aller technischer Hausforderungen und so vieler beteiligter Stakeholder in der Lage ist, Dinge in der realen Welt zu steuern.

Zuletzt haben wir uns mehr auf den Vertrieb und die Außenwirkung konzentriert, was ehemaligen Wissenschaftlern vielleicht etwas schwerer fällt. Grade erklärungsbedürftige Produkte und Ansätze haben es gelegentlich schwer. Zum genau richtigen Zeitpunkt konnten wir aber den Spinlab Accelerator in Leipzig von uns überzeugen. In dem Programm konnten wir zusammen mit den Coaches vom Spinlab stark an den genannten Punkten arbeiten und uns auch mit anderen Gründern intensiv austauschen. Das hat unserem Startup nochmals einen weiteren Schub gegeben.

Vielen Dank für das Interview, Tim!


Dir schwebt nun auch noch eine Frage im Kopf herum, die du gerne an EnergieDock stellen möchtest?
Dann schreib sie in die Kommentare – wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

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