Crowdinvesting bringt das Geld zu den grünen Startern

© Econeers

Weltweit bleiben bis 2050 bis zu 22 Billionen Euro für das weltwirtschaftliche Wachstum auf der Strecke. Hier schlummert viel Potential und ein immenser Wachstumsmarkt für innovative, nachhaltige Unternehmen und Startups.“ – Ines Becker (Corporate Communications Seedmatch und Econeers) im Interview.

31.05.2017

Grüne-Startups.de: Würden Sie uns Seedmatch und Econeers kurz vorstellen und die bisherige Entwicklung schildern?

Ines Becker: Als Deutschlands erste Plattform für Crowdinvesting demokratisiert Seedmatch seit 2011 die Investitionsmöglichkeiten in junge Startups und Wachstumsunternehmen. So können nun auch private Anleger vom wirtschaftlichen Wachstum und der Verjüngung der deutschen Unternehmenslandschaft profitieren. Dabei entscheiden unsere Investoren individuell, welche Geschäftsideen sie fördern. Gemeinsam konnten wir so über 31 Millionen Euro an innovative Ideen und aufstrebende Entrepreneurs vermitteln.

Econeers entstand im Jahr 2013 als Schwesterplattform von Seedmatch, mit der Fokussierung auf grüne und nachhaltige Projektfinanzierungen. Bereits ab 250 Euro können private Anleger sich an der Energiewende aktiv beteiligen und mit einer Rendite sogar aktiv davon profitieren. Auf diesem Weg können umweltfreundliche Konzepte sowie ressourcenschonende Projekte zur Energieerzeugung realisiert bzw. nach Fertigstellung mit Hilfe der Privatanleger refinanziert werden. Seither konnten bereits elf Projekte (davon zwei aktuell in Umsetzung) erfolgreich finanziert werden. Durch das eingesammelte Kapital von über 6,2 Millionen Euro war es möglich, bereits ca. 14,9 Tonnen CO2 einzusparen.

Wie hilft Seedmatch Startups und Econeers speziell grünen Projekten, auf die Beine zu kommen?

Seedmatch bietet als Plattform für Crowdinvesting jungen Unternehmen eine Bühne, ihr Produkt oder ihre Dienstleistung einer breiten Zielgruppe zu präsentieren und gleichzeitig wachstumsrelevantes Kapital einzusammeln. Neben der Monetarisierung profitieren Startups von den viralen Marketingeffekten der Crowdfunding-Kampagne, können ein großes Publikum als potentielle Kaufinteressenten ansprechen und direktes Feedback zu ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung einsammeln. Laut einer Untersuchung, die vom Bundesministerium der Finanzen beauftragt wurde, skalieren crowdfinanzierte Startups aus diesen Gründen schneller und können sich länger in ihrem Markt behaupten als Startups, die sich für andere Kapitalgeber wie bspw. Banken entschieden haben.

Econeers bietet als Plattform für Crowdinvesting grünen und nachhaltigen Projekten auch Kleinanlegern die Möglichkeit, sich an der Energiewende zu beteiligen und aktiv davon zu profitieren. Durch das eingesammelte Kapital können neue Energieprojekte umgesetzt, aufgebaut oder auch refinanziert werden. Gemeinsam ist es den Econeers und den Projektbetreibern dadurch möglich, in einen nachhaltigen Umweltschutz und ressourcenschonende Technologien zu investieren. Ein weiterer Vorteil der Crowdfinanzierung für die Projektbetreiber ist der aktive Austausch mit den zahlreichen Nutzern der Plattform: Sie erhalten neue Anregungen, können Fragestellungen aufgreifen sowie mehr Akzeptanz für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und den Umweltschutz in der Bevölkerung schaffen.

Was braucht eine innovative Idee am meisten, um zu einem finanziell erfolgreichen Geschäftsmodell heranzuwachsen? 

Damit sich eine innovative Idee auf dem Markt behaupten kann, sind viele neuralgische Punkte zu beachten: Gibt es eine kaufwillige Zielgruppe für das Produkt oder die Dienstleistung? Sind USPs vorhanden und ausreichend belastbar? Werden Kunden(-wünsche) in die Entwicklung mit einbezogen? Hat das Gründerteam entsprechende Kompetenzen in den Bereichen F&E, Marketing und PR, Unternehmensführung, Finanzen und Buchhaltung u.v.m.?  Sind die Branchenkenntnisse und ein entsprechendes Netzwerk vorhanden? Gibt es eine Unternehmensidentität, sind die Unternehmensziele s.m.a.r.t. formuliert (spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminiert)  und finden sich im Businessplan wieder? Pretotyping und Design Thinking können hilfreiche Methoden sein, eine innovative Idee schnell und kostengünstig entlang den Kundenwünschen zu entwickeln und den Markteintritt zu schaffen.

Ob ein Projekt erfolgreich wird oder nicht, hängt also von diversen Faktoren ab. Nicht nur die gut vorbereitete Planung und deren Umsetzung sind für den Erfolg von großer Bedeutung. Wichtig ist vor allem, wie gut der Projektbetreiber sich in der Branche auskennt, welche eigenen Erfahrungen und Referenzen er einbringt und vor allem auf welches Netzwerk er zurückgreifen kann. Nicht selten sind vertrauensvolles Zusammenarbeiten und Kooperationen wichtig, um ein Projekt erfolgreich zu realisieren. Zu guter Letzt ist natürlich auch die Beharrlichkeit und der Glaube an das eigene Geschäftsmodell Voraussetzung für einen erfolgreichen Unternehmer.

Welche Phase ist für ein grünes Projekt die schwierigste? Was sind die häufigsten Gründe für das Scheitern grüner Projekte?

Aus unserer Sicht ist die Projektierungsphase eine große Herausforderung. Alle vertraglichen Details müssen abgestimmt, zahlreiche Genehmigungen eingeholt, der Zeitplan und das Budget realistisch geplant und die Finanzierungsmöglichkeiten erörtert werden. Oft ist es in dieser Phase, insbesondere für neue nachhaltige Technologien schwierig, das benötigte Kapital anzuwerben. Anschließend erfolgt die Umsetzung, der Aufbau des Projektes. Auch in dieser Phase fallen zahlreiche Risiken für den Projektbetreiber an. Angefangen von den Bau- bzw. Kaufrisiken, über Kostenerhöhungen bis hin zu einer nötigen Nachfinanzierung, welche eingeworben werden muss.

Sobald ein Projekt aber einmal läuft oder ans Netz gegangen ist und im besten Fall eine gesetzlich geregelte Vergütung erhält, sind die größten Risiken abgewendet bzw. die schwierigsten Phasen überstanden. Dennoch bleibt ein Scheitern nicht ausgeschlossen.

Häufige Gründe für das Scheitern grüner Projekte liegen in der fehlenden Akzeptanz in der Bevölkerung, wenig durchdachten Geschäftsmodellen oder in Änderungen von gesetzlichen Vorschriften und Richtlinien. Wesentlich beeinflusst hier natürlich das EEG die Entwicklung am Markt der regenerativen Energien.

Welche Besonderheiten gilt es im Vergleich zu konventionellen Startups zu beachten?

Ob es tatsächlich Unterschiede zwischen grünen und konventionellen Startups gibt, hängt davon ab, wie “grün” definiert wird. Handelt es sich um Fairtrade-Angebote, Innovationen im Bereich der Erneuerbaren Energien oder saubere Technologien? Eine Idee kann noch so “grün” sein: Wenn sie nicht nachhaltig auf ein kluges und wirtschaftlich tragfähiges Geschäftskonzept fußt, wird sie scheitern.  Vielleicht liegt die Versuchung bei einem grünen Startup näher, ideelle Werte und USPs in den Vordergrund zu stellen. Leider reicht es als Kaufargument oftmals nicht aus, die Welt verbessern zu wollen – der Mehrwert des Angebotes muss den Wettbewerb mit konventionellen Alternativen zu seinen Gunsten entscheiden können.

Gibt es für Sie Alarmsignale, bei denen Sie sofort denken, aus diesem Projekt wird nichts?

Besonders von Bedeutung ist in jedem Fall die Einhaltung unserer Nachhaltigkeitskriterien. Werden diese bei einem Projekt nicht erfüllt, ist dies in jedem Fall als K.O.-Kriterium für ein Crowdfunding auf Econeers zu werten. Darüber hinaus halten wir nicht viel von leeren Marketingversprechen. Es sollten vor jedem Funding immer ein ausgereiftes Geschäftsmodell, eine nachhaltige Strategie, aussagekräftige Referenzen als auch belastbare Zahlen vorgelegt werden.

Welche drei Kriterien sind Ihrer Meinung nach unverzichtbar für den langfristigen Erfolg insbesondere von grünen Startups?

1. Unternehmen sollten eine starke Identität besitzen und diese kommunizieren können. Von ihrer Vision lassen sich so leicht, verständlich und authentisch Unternehmensprioritäten und ganz konkrete Unternehmensziele ableiten, die jedem verständlich und einleuchtend sind. Das ist ein gutes Fundament, sich auch  in Krisenzeiten auf seine Wurzeln zu besinnen  – und Rückschläge gehören bei jedem jungen Unternehmen dazu.

2. Jedes Unternehmen sollte sein Geschäft und seine Branche aus dem ff kennen.

3. Startups sollten branchenrelevante und patente Kooperationspartner suchen. So können sie von der bereits bestehenden Expertise und Infrastruktur profitieren sowie
durch exklusive Verträge Nachahmern den Markteintritt erschweren.

Welchen grünen Projekten haben Seedmatch und Econeers zuletzt zum Erfolg verholfen?

Derzeit laufen zwei interessante und sehr unterschiedliche Projekte auf Econeers. Bei dem Projekt der Solarenergie Ulm GmbH & Co.KG handelt es sich um die Finanzierung einer zweiten Pelletierlinie in einem bereits bestehenden Werk zur Herstellung von BrennwertHolzpellets. Bisher konnten über 220.000 Euro eingesammelt werden und die ersten Anlagenteile wurden bereits geliefert. Mit dem Eintritt in den Pelletmarkt will sich die Solarenergie Ulm diversifizierter aufstellen. Das weitere Projekt “SUNfarming Sonnewalde” ist eine Refinanzierung eines bestehenden Solarkraftwerkes in Brandenburg. Dieser Solarpark ist einer von zahlreichen sich im Eigenbestand von SUNfarming befindlich Solarkraftwerken. Das durch die Refinanzierung frei werdende Kapital im Unternehmen wird in den Aufbau neuer Solarprojekte eingesetzt. Beide Projekte sind zwar noch nicht vollständig durch die Crowd finanziert, konnten die Fundingschwellen aber binnen kurzer Zeit erreichen, was bedeutet: Sie werden in jedem Fall umgesetzt! Somit leisten sie einen wichtigen Beitrag, den CO2-Ausstoß zu verringern und unsere Umwelt zu schonen.

Aktuell läuft die zweite Finanzierungs-Kampagne der Controme GmbH auf Seedmatch. Controme ist die erste smarte Heizungssteuerung, die alle Komponenten der Heiztechnik in einem Haus vernetzt und als ein intelligentes und vorausschauendes System steuert. Die selbst entwickelte Hard- und Software des Smart-Heat-Systems bietet dabei unzählige Innovationen, wie das vorausschauende Heizen nach Wettervorhersage, eine herausragend genaue Raumtemperatur-Steuerung und umfangreiche Planungs- und Visualisierungsfunktionen. Dies alles erschließt deutlich mehr Einsparpotential als smarte Thermostate oder HeizkesselApps. Die hohe Regelqualität sorgt zudem für eine bemerkenswerte Steigerung des Wohnkomforts. So lassen sich nach Aussage des Startups die Heizkosten und damit der Energiebedarf um 30 Prozent verringern.

In welchem Bereich liegt ihrer Meinung nach das größte Potential für die Zukunft grüner Startups?

Durch einen Wechsel hin zur Kreislaufwirtschaft könnten europäische Unternehmen 600 Milliarden Euro sparen – allein durch den effizienteren Einsatz von Materialien und cleverem Recycling. Weltweit bleiben bis 2050 bis zu 22 Billionen Euro für das weltwirtschaftliche Wachstum auf der Strecke. Hier schlummert viel Potential und ein immenser Wachstumsmarkt für innovative, nachhaltige Unternehmen und Startups.

1 Kommentar zu Crowdinvesting bringt das Geld zu den grünen Startern

  1. Guten Tag,
    dies ist ein sehr informativer Artikel.
    Über dieses Thema habe ich oft nachgedacht.
    Es ist schwer differenzierte Infos im Netz darüber zu finden.
    Dies wird mir bei meiner Recherche zu dieser Materie bzgl. Projektfinanzierung sehr weiterhelfen.
    Ich danke Ihnen.

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